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Todesschlaf

  • Prolog

Wie so oft saß Laran am Ufer des Kristallsees und beobachtete die Fische, die sich im klaren Wasser tummelten. Er fühlte sich müde. Obwohl der mächtigste Magier seiner Zeit mit einer Lebensspanne, die jene der Menschen bei Weitem übertraf, waren die Jahrhunderte nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Sein Spiegelbild im Wasser bestätigte dies – das einstmals schöne Gesicht von tiefen Furchen durchzogen, die Haut durchscheinend wie Pergament, das lange Haar schneeweiß, die grauen Augen müde und alt. In letzter Zeit dachte er oft darüber nach, sich zurückzuziehen – in eine Welt jenseits derer, in der er seit einer Ewigkeit sein Dasein fristete. Er hatte ganze Völker kommen und gehen sehen, war geschätzter Berater vieler Könige gewesen und hatte nicht selten das Schicksal der Welt gelenkt. Doch diese Zeiten waren vorbei. Die Menschheit lebte seit vielen Jahren in Glück und Wohlstand. Keine Kriege zerrütteten das Land, und er, der er dies durch lange und zermürbende Kämpfe erreicht hatte, wurde jetzt nicht mehr gebraucht und geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

Während Laran so seinen Gedanken nachhing, wurde die spiegelglatte Oberfläche des Kristallsees plötzlich unruhig. Die Fische, deren silberne Leiber eben noch in der Sonne geglitzert hatten, verschwanden verschreckt in den Tiefen des Sees. Das Wasser wurde dunkel, begann zu brodeln, und unmittelbar vor den Füßen des greisen Magiers entstand plötzlich ein Strudel, der das Licht der Sonne zu verschlucken schien. Der Strudel schien sich auch in seinem Inneren auszubreiten und alles andere zu verdrängen. Dem Magier schwindelte, alles begann sich zu drehen. Nach einer endlos scheinenden Zeit kam der Strudel zur Ruhe, und aus seinen Tiefen erschien ein Gesicht – zunächst das eines Kindes, welches sich schließlich in das eines jungen, gutaussehenden Mannes mit kurzen blonden Haaren und stahlblauen, eiskalten Augen verwandelte, die Laran zu durchbohren schienen. Je länger er dem Blick dieser Augen standhielt, desto grimmiger wurde die Kälte, die sich in seinem Inneren ausbreitete und ihn zu lähmen begann. Laran hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sämtliche Gedanken und sogar die Umgebung waren plötzlich aus seinem Kopf verschwunden. Der Blick des Fremden bohrte sich in seine Seele und schien jede Emotion aus Laran herauszusaugen. Der Magier fühlte sich von dem Gesicht in dem Strudel auf gespenstische Weise angezogen. Alles in ihm schrie danach, sich einfach ins Wasser gleiten und alles hinter sich zu lassen. Gewaltsam riss er sich vom Blick des Unbekannten los, und so plötzlich, wie er gekommen war, verschwand der Strudel und mit ihm die Kälte. Das Wasser des Sees war wieder ruhig und klar, und auch die Fische wagten sich wieder aus den Tiefen hervor.

Der Magier schwankte. Er fühlte sich erschöpft. Nur langsam lichteten sich die Schleier in seinem Geist. Als er sich einigermaßen erholt hatte, richtete er sich mühsam auf. Er wusste, was die Vision – denn nichts anderes war es gewesen – zu bedeuten hatte. Er konnte nicht erklären, woher er es wusste, und er konnte seine Visionen auch nicht steuern, aber er wusste stets um deren Bedeutung, und er irrte sich nie. Doch heute hoffte er inständig, sich ein einziges Mal getäuscht zu haben, denn sonst würde der junge Mann, dessen Gesicht er gesehen hatte, dereinst für die vollkommene Zerstörung der Welt verantwortlich sein – nicht morgen, und auch nicht in naher Zukunft, denn er würde erst in fünfhundert Jahren geboren werden – aber Laran hatte in dessen Augen gesehen, dass er sich von nichts und niemandem aufhalten lassen würde.

Der Magier wusste, dass die Menschen der Zukunft nicht in der Lage sein würden, der Macht und Grausamkeit des Unbekannten zu widerstehen. Und obwohl er gerade noch darüber nachgedacht hatte, die Welt zu verlassen, weil die Menschen ihn nicht mehr brauchten, fühlte er sich doch verantwortlich für deren Schicksal. Doch wie sollte er, dessen Leben sich dem Ende neigte, jemanden aufhalten, der noch gar nicht geboren war?

Es gab wohl eine Lösung – ein uralter Zauber, der wegen der unkontrollierbaren Macht, die er bei falscher Anwendung entwickeln konnte und der damit verbundenen Gefahren seit Jahrtausenden nicht mehr angewendet worden war. Auch Laran fürchtete die Tücken des Zaubers, aber so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keine andere Lösung. So entschloss er sich endlich, sich trotz aller Risiken in den Todesschlaf zu versetzen. Dies war die einzige Möglichkeit, in fünfhundert Jahren zur Stelle zu sein, um das dunkle Werk des Fremden zu verhindern. Doch der Zauber barg viele Gefahren. Wenn er nur den kleinsten Fehler machte, würde er vielleicht nie wieder aufwachen – oder hundert Jahre zu spät, was genau so schlimm wäre, denn dann gäbe es keine Welt mehr, die er retten könnte. Im schlimmsten Fall könnte eine falsche Ausführung des Zaubers jedes Lebewesen in Todesschlaf versetzen, und selbst, wenn der ausführende Magier wieder aufwachen sollte, gäbe es keine Möglichkeit, Menschen und Tiere wieder zu erwecken. Damit wäre er dann genau für das verantwortlich, was er eigentlich verhindern wollte: die Auslöschung allen Lebens.

Ein weiteres Problem war, dass der Zauber nie aufgeschrieben sondern immer nur hinter vorgehaltener Hand von Meister zu Lehrling weitergegeben worden war, so dass Laran sich auf sein Gedächtnis verlassen musste.

Doch nachdem der Magier sich einmal entschlossen hatte, den Zauber durchzuführen, gab es nun keinen Grund mehr, noch länger zu zögern. Er ging zum letzten Mal für lange Zeit um den Kristallsee herum und verschwand zwischen den Bäumen. Der Wald schien zu spüren, wer sich in ihm bewegte, denn Zweige, Dornen und Unterholz glitten beiseite, wenn Laran sich näherte, so dass der Magier unbehelligt auf unsichtbaren Pfaden seinen Weg fortsetzen konnte.

Sein Ziel war die tief im Wald verborgene Hütte, die ihm während der letzten Jahre als Behausung gedient hatte. Hier bewahrte er das Wenige auf, das er besaß. Viel war es nicht, aber er brauchte auch nicht viel. Er hatte all die Jahre zurückgezogen gelebt, tief im Wald, vor den Blicken der Welt verborgen, den Kontakt zu Menschen meidend, die meiste Zeit in Erinnerungen an längst vergangene Tage versunken. Doch damit war es jetzt vorbei!

Laran nahm nur die Dinge mit, die er unbedingt brauchen würde: seinen Stab, seinen Beutel und den Dolch, den ihm der König von Kandar vor langer Zeit aus Dankbarkeit geschenkt hatte, weil der Magier seinen Sohn vor dem sicheren Tod und sein Königreich vor dem Untergang bewahrt hatte. Laran erinnerte sich noch gut daran, obwohl mittlerweile fast zweihundert Jahre vergangen waren.

Unwillig schüttelte er den Kopf, als ihm bewusst wurde, dass er schon wieder begann, in der Vergangenheit zu schwelgen. Ohne einen Blick zurück verließ er seine ehemalige Behausung, und nach einer kaum sichtbaren Bewegung seiner linken Hand ging die Hütte mit allem, was er darin zurückgelassen hatte, in Flammen auf. Das Feuer brannte lautlos, und wundersamerweise wurden die umstehenden Bäume und Sträucher davon nicht berührt.

Laran wandte sich ab und begann den mühevollen Aufstieg zu einer nahegelegenen Höhle tief im Berg. In ihr wollte er die fünfhundert Jahre des Todesschlafes verbringen. Schwer auf seinen Stab gestützt erreichte er endlich das Felsplateau, das sich vor dem Eingang der Höhle erstreckte. Seufzend ließ er sich nieder. Er war alt geworden. Auch wenn seine geistige Macht ungebrochen war, so ließen doch seine körperlichen Kräfte merklich nach.

Selbst wenn der Zauber, den er sich vorgenommen hatte, gelingen sollte – wie könnte er, der schon vor langer Zeit begonnen hatte zu altern, den jungen, vor dunkler Macht und körperlicher Kraft offensichtlich nur so strotzenden Feind besiegen? Zweifel stiegen in Laran auf, ob er sein Vorhaben wirklich in die Tat umsetzen sollte. Hätte er überhaupt die geringste Aussicht auf Erfolg? Doch wenn nicht er, wer dann? Er war die einzige Chance, die der Menschheit noch blieb ...

Entschlossen betrat er die Höhle und legte mit Hilfe seines Stabes einen Schutzbann auf den Höhleneingang, der dafür sorgen sollte, dass nichts und niemand den Schlaf des Magiers stören würde. Der Bann bewirkte, dass jedes Lebewesen beim Betreten der Höhle plötzlich von unerklärlicher panischer Angst ergriffen wurde und somit nicht mehr den Wunsch verspürte, sich dort umzuschauen oder gar niederzulassen. Statt dessen hetzten Mensch und Tier den Berg hinunter, so schnell sie ihre Beine trugen.

Nachdem der Höhleneingang zu seiner Zufriedenheit versiegelt war, zog sich Laran in das Innere der Höhle zurück und ließ sich nieder. Eine endlos scheinende Zeit saß er vollkommen reglos da, die Augen geschlossen, als höre er angestrengt in sich hinein. Endlich ging ein Ruck durch seine Gestalt, und er begann, unverständliche Wörter und Beschwörungsformeln zu murmeln. Nebel stieg auf, breitete sich langsam in der Höhle aus und hüllte schließlich auch den Magier vollständig ein. Das Gemurmel verstummte ...

--> Prolog

--> Kapitel 1 - Das Bündnis

--> Kapitel 2 - Die Prophezeiung

--> Kapitel 3 - Das Erwachen

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