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Kein Tag wie jeder andere ...

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Missmutig stellt er das Klingeln seines Weckers ab und quält sich aus dem Bett. Immer muss ihn dieses blöde Ding aus dem schönsten Schlaf reißen. Müde und schlecht gelaunt zieht er sich an und öffnet wie jeden Morgen das Fenster um nach dem Wetter zu sehen. Heute passt es genau zu seiner Stimmung – grau und düster.

Aber irgendwas stimmt da draußen nicht. Der Himmel hat einen leicht gelblichen Schimmer, und alles scheint wie ausgestorben. Kein Wind, keine Vögel, kein Hundegebell; nicht einmal der gewohnte Lärm der vielen Autos ist zu hören, der normalerweise aus einer Großstadt wie dieser nicht mehr wegzudenken ist. Er geht nach unten in die Küche, wo seine Mutter gerade mit dem Frühstück beschäftigt sein müsste - nichts. Er läuft ins Schlafzimmer seiner Eltern - leer; das Zimmer seiner Schwester - leer. Kein Laut ist zu hören, im ganzen Haus ist es völlig ruhig.

Er geht wieder nach oben in sein Zimmer und zieht sich an. Ein leises Surren durchschneidet die unheimliche Stille - es kling unwirklich und viel zu laut, während alles andere um ihn herum den Atem anzuhalten scheint. Er schaltet den Ventilator aus - Totenstille. Das einzige Geräusch, das er jetzt noch hört, ist das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Langsam beginnt er zu begreifen, was Einsamkeit bedeutet; Einsamkeit, Alleinsein und Angst. Er hat das Gefühl, der einzige Mensch in diesem Haus, dieser Stadt, allein auf dieser Welt zu sein. Unruhig, fast schon in Panik läuft er zum Telefon, um wenigstens mit irgendeinem Menschen zu sprechen - die Leitung ist tot. Wo ist nur die nächste Telefonzelle? Fieberhaft durchsucht er seine Taschen und findet schließlich 20 Pfennige. Das reicht gerade zum Telefonieren. Als er die Haustüre öffnet, schlägt ihm schwüle warme Luft entgegen. Der Himmel ist düster wie vor einem Gewitter. Die Wolken hängen bedrohlich zwischen den Häusern fest, die Luft ist abgestanden und drückend. Er schließt die Tür und geht. Der Asphalt verschluckt das Geräusch seiner Schritte. Kein Mensch ist auf der Straße, die Geschäfte sind geschlossen, und kein Auto ist zu sehen, obwohl der Geruch nach Abgasen noch immer in der Luft hängt. Nirgendwo ist auch nur die Spur eines Lebewesens zu entdecken. Es scheint, als hätten Hunde, Katzen, Vögel und alle anderen Tiere mit den Menschen zusammen fluchtartig die Stadt verlassen.

Er geht schneller, beginnt zu rennen, ohne zu wissen, wovor er eigentlich davonläuft. Es ist wie in einem bösen Traum - um ihn herum sieht es so aus, als stünde die Welt still, und er hetzt durch die Stadt - allein, ahnungslos, verängstigt. Endlich, die Telefonzelle. Er schlägt die Tür hinter sich zu, wirft das Geld ein und wählt irgendeine Nummer - nichts. Die nächste Nummer - nichts. Was jetzt? Wieder nachhause? Nein. In die Schule? Vielleicht ist ja dort jemand, der ihm sagen kann, was hier eigentlich los ist.

Es sieht nach Regen aus. Vielleicht bringt ja ein reinigendes Gewitter wieder Leben in diese tote Stadt. Unschlüssig macht er sich auf den Weg in die Schule, als der Himmel seine Schleusen öffnet. In einem Hauseingang sucht er Schutz; so ein Gewitterschauer wird ja wohl nicht ewig dauern. Als das Gewitter vorbei zieht, gleicht die Stadt einer Sauna - heiß, feucht und erdrückend. Wie Nebel klebt die Luft zwischen den Dächern. Wieder beginnt er zu laufen, planlos, ohne ein bestimmtes Ziel. Nur nicht stehen bleiben, nicht einfach nur diese abgestandene Luft einatmen. Er läuft hierhin und dorthin, ist völlig durcheinander. Das Atmen fällt ihm schwer, er fühlt sich wie zerschlagen. Was ist denn nur auf einmal mit ihm los?

Als er irgendwann die Schule erreicht, hat er jegliches Zeitgefühl verloren. Wie lange mochte es her sein, dass sein Wecker geklingelt hatte, wie an jedem anderen normalen Tag? Eine Stunde? Zwei Stunden? Er weiß es nicht. Das große Schulgebäude liegt abweisend und verlassen da. Auch hier ist kein Mensch zu sehen. Ohne den Lärm und das vertraute Geschrei der Schüler wirkt der Schulhof fremd und leer.

Erschöpft lässt er sich ins Gras fallen. Was soll er jetzt tun? Er weiß nicht mehr weiter. Was war nur los in dieser verdammten Stadt?! Das Gewitter hat keine Abkühlung gebracht, die Luft ist noch immer feucht und schwer. Seine Kleidung klebt auf seiner Haut. Er zieht die Jacke aus, rollt sie unter dem Kopf zusammen und schaut in den Himmel, der düster und bedrohlich wirkt. Die dunklen Wolken hängen tief vor diesem mittlerweile fast schwefelgelben Hintergrund. Wieder beginnt es zu regnen. Auch diesmal ist der Regen nicht kühl und erfrischend. Er hat einen seltsamen Geruch - giftig und modrig, wie verfaulendes Wasser in der Kanalisation.

Das frische grüne Gras, die Bäume und Sträucher haben ihr natürliches Aussehen verloren. Auch sie sind inzwischen fast vom gleichen Gelb wie der Himmel. Ob das an diesem ekelhaften Regen liegt? Er fühlt sich nicht gut, schließt entkräftet die Augen und würde am liebsten auf der Stelle einschlafen, um nie wieder aufzuwachen - wenn nur der Regen nicht wäre. Doch er hat nicht die Kraft aufzustehen, um unter einem Dach Schutz zu suchen. Dieser Regen ist nicht natürlich, er lässt die Pflanzen nicht wachen, er zerstört sie - zerstört jedes Leben. Die Regentropfen brennen auf seinen nackten Armen, seinem Gesicht. Sie scheinen sich wie winzige Nadeln in seine Haut zu bohren. Eine lähmende Müdigkeit breitet sich in seinem Körper aus. Es ist ein angenehmens Gefühl, der brennende Schmerz wird immer unwirklicher und schwächer.

Er lächelt - dann spürt er gar nichts mehr.

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(c) Alexandra Winter

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