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Todesschlaf |
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Viel Zeit war vergangen im Lande Kandar, seit Laran sich zurückgezogen hatte. In den ersten Jahren nach seinem Verschwinden erzählten die Alten ihren Enkeln noch Geschichten von dem Magier, der einst Großes vollbracht hatte, doch mit der Zeit wurden die Geschichten zu Legenden, und bald erinnerte sich niemand mehr an Laran, den letzten großen Magier der alten Zeit. Irgendwann hörten die Menschen ganz auf, an die Magie zu glauben und merkten nicht einmal, dass ihr Leben dadurch ärmer wurde. Laran schlief, während Generationen geboren wurden und starben. Doch irgendwann neigten sich die fünf Jahrhunderte ihrem Ende, und die Zeit des Erwachens stand bevor. Die Sonne war gerade hinter den Hügeln verschwunden, und die anbrechende Nacht tauchte die Berge und Wälder in unwirkliches Zwielicht. Stille breitete sich aus, unterbrochen nur von den Stimmen der Tiere, die im Wald zuhause waren, und vom entfernten Rauschen des Flusses. Plötzlich und ohne Vorwarnung durchzuckte ein greller Blitz den Himmel, gefolgt von einem Donnerschlag, der so gewaltig war, dass er im ganzen Land gehört wurde. Überall schreckten Menschen aus dem Schlaf und beobachteten verängstigt das Schauspiel, das sich ihnen bot. Ein Blitz nach dem anderen erhellte den Himmel, der Donner grollte, und die Bewohner Kandars glaubten schließlich, das Ende der Welt sei gekommen. Einige fühlten sich an das schwere Unwetter erinnert, das in jener unheilvollen Nacht vor fünfundzwanzig Jahren getobt hatte, in der die Königin ihre Kinder gebar, Doch so unerwartet es gekommen war, so schnell verschwand das seltsame Gewitter auch wieder, und erneut versank das Land in Schweigen. Noch lange sprachen die Menschen über diese Nacht, doch nachdem nichts weiter passierte, lebten sie bald weiter wie bisher und vergaßen, was geschehen war. Wie sollten sie auch ahnen, dass in dieser Nacht Blitz und Donner das Erwachen eines mächtigen und lange vergessen Magiers angekündigt hatten ... In der Höhle, tief in den Bergen, erwachte Laran aus seinem Schlaf. Er schlug die Augen auf, doch um ihn herum herrschte vollkommene Dunkelheit. Kein Lichtstrahl drang in diesen Teil der Höhle. Laran richtete sich langsam auf und reckte vorsichtig die eingerosteten Glieder. Während des langen Schlafes waren die Muskeln seiner Arme und Beine steif geworden, und der Rücken tat ihm weh. Doch nach einigen Minuten kehrte die Beweglichkeit seiner Glieder zurück und auch in seinem Geist lichteten sich allmählich die Nebel des Schlafes. Seine Sinne gewannen bald ihre gewohnte Schärfe zurück, und bald war Laran wieder ganz der Alte. Nein, nicht ganz – irgend etwas war anders. Laran spürte ein warnendes Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Er hatte plötzlich das deutliche Gefühl, beobachtet zu werden. Der Magier schnippte mit den Fingern, und eine kleine grüne Flamme erschien auf seiner Handfläche. Das Licht reichte aus, um Larans unmittelbare Umgebung zu erhellen, und was er sah, ließ ihn vor Überraschung beinahe die Kontrolle über die Flamme verlieren, die nun flackernd auf seiner flachen Hand zu tanzen begann. Direkt vor seiner Nase saß ein kleines pelziges Wesen, das ihn aus klugen Augen und ohne jede Furcht ansah. Laran hatte ein solches Geschöpf noch nie zuvor gesehen. Es war etwas kleiner als ein Waschbär, kugelrund mit kurzen krummen Beinen. Sein dichtes Fell, ebenso wie der buschige Schwanz, war schwarzweiß gestreift. Auf seinen großen spitzen Ohren saßen weiße Fellbüschel, die lustig wippten, als das Wesen den Kopf etwas schief legte, um nun seinerseits den Magier zu mustern. Was es sah, schien ihm zu gefallen. Es tapste auf Laran zu, der nach wie vor unbeweglich da saß und seinen Blick nicht von dem fremden Geschöpf abwenden konnte, strich kurz um seine Beine und stolzierte schließlich mit hoch erhobenem Schwanz und wippenden Ohren auf den Höhleneingang zu. Nach einigen Schritten drehte es sich noch einmal um, und Laran hätte schwören können, es habe ihm zugezwinkert. Dann verschwand es in der Dunkelheit. Noch ein leises Rascheln draußen vor der Höhle, dann herrschte Stille – der Magier war wieder allein. Allein und ausgesprochen verwirrt. Er hatte keine Vorstellung davon gehabt, was ihn nach seinem Schlaf erwarten würde, aber mit einem keinen pelzigen Ungetüm hatte er ganz bestimmt nicht gerechnet. Was war es gewesen, und wie konnte es den Bann überwinden, mit dem er den Eingang der Höhle geschützt hatte? Oder sollte der Zauber gar nicht funktioniert haben? In diesem Fall hätte Laran unverschämtes Glück gehabt, in den vergangenen fünfhundert Jahren nicht von einem hungrigen Bären verspeist worden zu sein, für den der Magier sicher ein willkommener Bissen vor einem langen Winterschlaf gewesen wäre. Irgendwie hatte Laran das Gefühl, dass dies nicht die letzte Begegnung mit dem unbekannten Geschöpf gewesen war. In diesem Moment wünschte er fast eine Vision herbei, um zu erfahren, wer sein Besucher gewesen war, doch schließlich schüttelte er den Gedanken an das pelzige Wesen ab. Es gab wichtigere Dinge, um die er sich kümmern musste, und so stand er auf, packte seine Habseligkeiten zusammen und wandte schließlich seiner Schlafstätte den Rücken. Er wollte sich zunächst ein Bild von der Welt verschaffen, in der er erwacht war und trat so hinaus auf das Plateau vor der Höhle, die ihn so lange Zeit vor den Augen der übrigen Welt verborgen hatte, und sah sich um. Überall in den Büschen, die den schmalen Pfad säumten, der zur Höhle führte, sah er abgeknickte Zweige. Der Boden war aufgewühlt, und die Spuren von Pfoten waren deutlich zu sehen. Einige waren erst einige Tage alt, andere wiederum sahen sehr viel älter aus. Die ganze Umgebung vermittelte den Eindruck wild flüchtender Tiere, die ohne Rücksicht auf den verursachten Lärm und die Gefahr der Entdeckung das Buschwerk niedergetrampelt hatten. Alles deutete darauf hin, dass der Schutzzauber funktioniert hatte – doch wie in aller Welt hatte das Wesen dann die Höhle betreten können? Er war sicher, er würde es irgendwann erfahren ... Laran trat an den Rand des Plateaus und ließ seinen Blick hinab ins Tal und über das Land schweifen, das er damals verlassen hatte. Die einbrechende Dunkelheit machte ihm nichts aus – mit seinen scharfen Sinnen konnte er sogar die einzelnen Blätter der Bäume genau erkennen. Nichts schien sich hier, am Ende der Welt, verändert zu haben. Die hohen Bäume, deren Kronen sich in den tief hängenden Wolken verloren, die in der Ferne aufragenden mächtigen Felsen des Gorgon-Gebirges, sogar der Kristallsee, in dessen klarem Wasser er damals die schreckliche Zukunft der Menschheit vorausgesehen hatte – alles schien auf den ersten Blick noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Er liebte dieses Land, hatte es schon immer geliebt. Die gewaltigen Berge, die weiten Ebenen, die dichten dunklen Wälder – all das vermittelte sogar ihm ein Gefühl von Ewigkeit. Laran horchte in sich hinein. Er fühlte sich gut, der Schlaf schien ihn erfrischt zu haben. Er konnte nur hoffen, dass dieser Zustand eine Weile anhielt, denn vor ihm lag eine große Aufgabe. Er stieg den Berg hinab, den er vor langer Zeit unter größten Mühen erklommen hatte, und erreichte schließlich den Wald, der ihm einst so vertraut gewesen war. Und wie schon damals, glitten Bäume und Unterholz beiseite, um ihn durchzulassen. Auch wenn die Menschheit ihn vergessen hatte, so erinnerte sich doch die Natur seiner. Als er zu der Stelle kam, wo einst seine Hütte gestanden hatte, hielt er kurz inne. Nichts war mehr zu sehen – die Flammen hatten nichts von der Hütte übrig gelassen, und der Wald hatte sich über die Stelle ausgebreitet, wo sie gestanden hatte. Nichts erinnerte mehr daran, dass hier einst Laran, der mächtigste Magier seiner Zeit gelebt hatte. Das war auch gut so, denn Laran hoffte sehr, dass sein Erwachen so lange wie möglich unentdeckt bleiben würde. Dies war unbedingt notwendig, da Laran keine Ahnung hatte, wo er den Unbekannten finden sollte. Er würde in die Dörfer und Städte gehen müssen, um etwas herauszufinden, was ihm den Weg weisen könnte, denn die Vision am See hatte ihm nicht verraten, wo und auf welche Weise der Fremde aus seiner Vision das Ende der Welt herbeiführen würde. Dies herauszufinden war nun Larans vornehmliches Ziel. Zunächst musste er sich sammeln und nachdenken. Zwar war Eile geboten, aber dem Magier war bewusst, dass die vor ihm liegende Aufgabe gut geplant sein musste, um überhaupt Aussicht auf Erfolg zu haben. Er kehrte seiner ehemaligen Behausung den Rücken und umrundete den See, bis er zu der Stelle kam, an der er früher immer gesessen und über sein Schicksal und das der Welt nachgesonnen hatte. Der Kristallsee lag ruhig und friedlich vor ihm. Kein Windhauch kräuselte die Oberfläche, in der sich die runde Scheibe des Mondes und Myriaden von funkelnden Sternen spiegelten. Laran beugte sich hinunter, um sich mit dem reinen klaren Wasser des Sees zu erfrischen, und erschrak: Aus dem Wasser blickte ihm erneut das Gesicht eines jungen Mannes entgegen, gutaussehend mit markanten Zügen. Doch es war nicht der blonde Fremde, den er schon einmal gesehen hatte und der Grund für Larans langen Schlaf gewesen war. Lange schwarze Haare fielen bis auf die breiten Schultern des Unbekannten, in den grauen Augen lagen statt der Bosheit und Kälte, die er in den Augen des anderen gesehen hatte, Güte und Wärme. Doch wollten diese Augen nicht zu diesem jungen Gesicht passen, denn aus ihnen sprach die Weisheit und Erfahrung von Jahrhunderten. Laran fuhr herum, um zu sehen, wer sich unbemerkt genähert hatte, doch da war niemand. Verwirrt blickte er erneut auf das Wasser des Sees, und nach wie vor blickte ihm das Gesicht entgegen. Irgendetwas daran schien Laran vertraut, und plötzlich traf den Magier die Erkenntnis und das Erinnern wie ein Schlag: Das Gesicht, das ihm aus dem Wasser des Kristallsees entgegenblickte war sein eigenes – wie es vor fast einem Jahrtausend ausgesehen hatte ... Irgendetwas musste schiefgegangen sein, als Laran sich in den Todesschlaf versetzt hatte. Aus ihm unerklärlichen Gründen hatte der Schlaf ihn verjüngt, und der Magier hatte es bisher nicht bemerkt. Die Begegnung mit dem fremden Wesen hatte ihn so beschäftigt, dass er die Veränderungen an sich selbst überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Er hatte sich erfrischt gefühlt, dies aber auf den langen Schlaf zurückgeführt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der Abstieg von der Höhle hinunter ins Tal ihn kaum angestrengt hatte, doch er war zu sehr in Gedanken versunken gewesen, um es zu bemerken. Es grenzte an ein Wunder. Er war wieder jung und im Vollbesitz seiner körperlichen Kraft. Wie weggeblasen war die Erschöpfung, die ihm vor seinem Schlaf so lange zu schaffen gemacht hatte. Auch wenn er es sich nicht erklären konnte, war Laran mehr als froh darüber, denn für die vor ihm liegende Aufgabe würde er alle Kräfte brauchen, die er aufbringen könnte – und wahrscheinlich noch mehr ... |
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