|
|||||
|
Ein Nikolaus zum Weihnachtsfest |
|||||
|
Es war wieder einmal Weihnachten. Für Patrick war das ein Tag wie jeder andere. Er stand auf, zog sich an und ging zum Frühstück hinunter in den großen Speisesaal des Waisenhauses, in dem er nun schon seit vielen Jahren lebte. Patricks Eltern waren bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückt, als er fünf Jahre alt war. Seitdem gab es für ihn kein richtiges Weihnachtsfest mehr, und er hatte schon fast vergessen, wie er mit seinen Eltern früher gefeiert hatte. Das einzige, woran er sich erinnern konnte, war, dass sein Vater, der geschäftlich immer viel unterwegs gewesen war, ihn am heiligen Abend immer auf den Schoß genommen und ihm lange Geschichten vom Weihnachtsmann erzählt hatte. Für Patrick war damals sein Vater der einzige Mensch gewesen, den er sich als Nikolaus hatte vorstellen können. Groß mit Bart, gemütlich und mit immer lachenden Augen. Im Waisenhaus gab es nur einen Nikolaus von einer Agentur, die Weihnachtsmänner stundenweise vermietete. Der brachte dann den kleineren Kindern ein paar Süßigkeiten, wünschte ein frohes Fest und verschwand wieder. Patrick hatte von irgendeiner entfernten Verwandten eine Schachtel Pralinen bekommen, die er achtlos in seine Tasche steckte. Als nach dem Abendessen alle vor einem künstlichen Weihnachtsbaum saßen und ein Tonband immer wieder die gleichen Weihnachtslieder spielte, hielt Patrick es nicht mehr länger aus. Jeder tat so friedlich und besinnlich und redete von Nächstenliebe, aber im Grunde war es den Leuten doch egal, wie es anderen Menschen ging, ob es jemanden gab, der Hunger hatte, der traurig oder alleine war. Patrick stand auf und ging aus dem Zimmer – niemand beachtete ihn. Er verließ das Haus und lief durch die Stadt. Außer ihm war niemand auf der Straße. Natürlich, die feierten ja jetzt alle mit ihren Familien Weihnachten, heuchelten Besinnlichkeit, um am nächsten Tag wieder zu streiten und sich anzuschreien. Patrick dachte an die vielen Geschenke, die heute Abend gemacht wurden und lächelte bitter. Geschenke – konnten die alles vergessen machen, was das ganze Jahr über falsch gelaufen war? Man lässt sich blenden und macht sich vor, alles wäre in Ordnung. Unangenehme Gedanken werden verdrängt – aufs nächste Jahr verschoben. Ein eventuell schlechtes Gewissen wird mit einem Schluck Wein zusammen mit dem üppigen Weihnachtsessen hinuntergespült, und schon ist die viel gerühmte Weihnachtsstimmung wiederhergestellt. Während Patrick so in Gedanken versunken durch die Nacht gelaufen war, hatte es angefangen zu schneien. Die Flocken tanzten im Licht der Straßenlaternen, und der Junge blieb stehen und schaute an den Häuserfassaden hinauf. Die meisten Fenster waren hell erleuchtet, und in den Scheiben spiegelte sich das Licht von Kerzen und Weihnachtsbaumbeleuchtungen. Nur ein Fenster im Erdgeschoss war fast dunkel, nur eine kleine Lampe warf einen schwachen Lichtschein auf die Straße, der beim Glanz der vielen anderen Lichter traurig und trostlos wirkte. Dieses Fenster spiegelte genau Patricks Gefühle wider. Er trat näher und sah vorsichtig durch die Scheibe. Was er sah, schien überhaupt nicht zusammenzupassen. Ein alter Mann saß alleine in einem geräumigen Wohnzimmer. In einer Ecke stand ein kleiner Weihnachtsbaum, der sichtlich liebevoll geschmückt worden war. Doch die roten Wachskerzen brannten nicht, und auch sonst strahlte dieses eigentlich geschmackvoll eingerichtete Zimmer eine düstere, gedrückte Stimmung aus. Patrick hatte fast völlig vergessen, wo er sich befand, als der alte Mann ihn bemerkte und zum Fenster trat. Als er es öffnete, murmelte Patrick eine hastige Entschuldigung und wollte verschwinden, aber als er dem Mann ins Gesicht sah, konnte er nicht einfach so davonlaufen. Dieses Gesicht drückte eine tiefe Trauer aus, und es war nicht zu übersehen, dass der Mann geweint hatte. Patrick fühlte sich an seine eigene Situation erinnert, in der er sich noch vor wenigen Minuten befunden hatte: Alle feierten fröhlich Weihnachten, und er selbst war völlig allein und traurig; aber jetzt konnte er nicht anders, er lächelte den alten Mann offen an, und als dieser fragte, was er denn da draußen auf der Straße mache, erwiderte der Junge sarkastisch: „Weihnachten feiern“. Der Alte sah Patrick nachdenklich an, schien kurz zu überlegen und forderte den Jungen schließlich auf: „Komm doch rein, ich bin genauso allein wie du, lass uns den Rest des Abends einfach gemeinsam verbringen“. Patrick nickte und ging zur Haustür. Niklas und Anna Berg stand auf dem Klingelschild. Als die Tür geöffnet wurde, betrat Patrick eine große Wohnung mit schönen alten Holzmöbeln, gemütlichen Sesseln und einem warmen Kachelofen im Wohnzimmer. Die beiden setzten sich, und während Patrick selbstgebackene Weihnachtsplätzchen knabberte, fragte der alte Mann ihn, warum er am heiligen Abend draußen herumlaufe, statt daheim bei seiner Familie zu sein. Der Junge erzählte seine Geschichte, und während er erzählte, blickte Niklas Berg ihn ununterbrochen an, und in seinen Augen war Verständnis, Mitleid und Wärme. Als Patrick beschrieb, wie sein Vater immer für ihn den Weihnachtsmann gespielt hatte, traten Tränen in die gütigen Augen des alten Mannes. Patrick schwieg und erfuhr nun, dass Niklas Berg drei Wochen zuvor seine Frau Anna und seinen Sohn zusammen mit dessen Familie durch einen schweren Autounfall verloren hatte und nun zum ersten Mal in seinem Leben an Weihnachten alleine war. Auch er hatte, wie Patricks Vater, früher für seinen Sohn den Nikolaus gespielt, und er erinnerte sich noch so lebendig daran, als wäre es gestern gewesen. Seine Frau hatte kurz vor ihrem Tod noch den Weihnachtsbaum geschmückt und Plätzchen gebacken, und die beiden hatten sich auf ein friedliches gemeinsames Weihnachtsfest gefreut. Bei den Worten des alten Mannes wurde Patrick klar, wie gering doch seine eigenen Sorgen waren. Er war im Waisenhaus mit vielen Gleichaltrigen zusammen, und die Hausmutter war eine liebe, mütterliche Frau. Niklas Berg dagegen hatte überhaupt niemanden mehr, und er hatte es auch viel schwerer, sich an die neue Situation zu gewöhnen als Patrick, der beim Tod seiner Eltern gerade erst fünf Jahre alt gewesen war. Patrick spürte eine tiefe Zuneigung für diesen Mann, und trotz der bedrückenden Stimmung fühlte er sich wohl. Fast schien es ihm, als habe er in diesem traurigen alten Mann eine neue Familie gefunden. Er hatte das Gefühl, als würde er Niklas Berg schon seit Ewigkeiten kennen, und fast wünschte er sich, dieser Mann könne für ihn der Großvater sein, den er nie gekannt hatte, da er schon vor seiner Geburt gestorben war. Dem alten Mann schien es ähnlich zu gehen, denn er verließ kurz das Zimmer, und als er zurückkam, gab er Patrick die Geschenke, die ursprünglich für seinen Enkel bestimmt gewesen waren. Der Junge war gerührt, weil ihm klar war, welche Überwindung es gekostet haben musste, ihm diese Dinge zu schenken. Gleichzeitig fühlte er, wie gerne Niklas Berg ihn haben musste, obwohl sie sich erst so kurze Zeit kanten. Der alte Mann freute sich an Patricks glänzenden Augen, als dieser die Geschenke auspackte, und jetzt fiel dem Jungen auch wieder die Pralinenschachtel ein, die er in seiner Tasche schon völlig vergessen hatte. Also hatte auch er etwas zu verschenken, und wieder traten Tränen in die Augen des Mannes. Aber diesmal waren es Tränen der Rührung und der Freude, und zum ersten Mal an diesem heiligen Abend lächelte Niklas Berg. Beide hatten viel verloren, aber sowohl Niklas als auch Patrick hatten zu diesem Weihnachtsfest ein Geschenk bekommen, das sich nicht mit all den teuren, in Seidenpapier verpackten Paketen und Päckchen vergleichen ließ, die an diesem Abend verschenkt worden waren. Sie hatten beide jemanden gefunden, der sie verstand, und der sie wirklich mochte – sie hatten einen Freund gefunden. Und obwohl der Tag so trostlos angefangen hatte, verbrachten der alte Mann und der Junge doch noch einen harmonischen und glücklichen Weihnachtsabend. Als Patrick schließlich ins Waisenhaus zurückgehen musste, versprach er, Niklas so oft wie möglich zu besuchen, und die beiden ungleichen Freunde verstanden sich mit jedem Besuch besser. Mit der Zeit konnten sie wieder fröhlich und unbefangen miteinander lachen. Sie hatten sich gegenseitig geholfen, wieder Freude am Leben zu haben. Und Patrick, der Waisenjunge, hatte noch ein großes Geschenk erhalten – er hatte endlich seinen Nikolaus wiedergefunden. |
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||