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Diego - Pferde sind auch nur Menschen ...

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Mein Leben ist an für sich ziemlich monoton . Eigentlich ist jeder ist Tag wie der andere. Ich stehe morgens irgendwann auf und warte, dass mir jemand Frühstück bringt. Nach dem Frühstück warte ich darauf, dass endlich jemand kommt und mich auf die Koppel bringt. Aber dazu später mehr ...

Zunächst möchte ich mich einmal vorstellen: Mein Name ist Diego. Ich bin ein Pferd und wohne in einem recht netten Reitstall irgendwo, wo es nicht ganz so warm ist, wie da, wo ich geboren wurde.

Ich fühle mich dort wohl, und es ist mittlerweile auch mein Zuhause geworden, aber obwohl es mir alles in allem ganz gut geht, gibt es doch ein paar Sachen, die mein Glück etwas trüben ...

Mein Mensch und ich verstehen uns eigentlich prima. – Ich gehe zumindest mal davon aus, dass es mein Mensch ist. - Um mich herum sind viele Menschen, und ich glaube, sie haben mich auch alle lieb. Sie besuchen mich, um mich zu streicheln oder um mir Leckerlis zu füttern – aber trotzdem schmecken die Leckerlis von meinem Menschen einfach noch am besten. Wir verstehen uns am besten, wir streiten am schönsten, und wir wissen beide, dass wir uns gegenseitig trotzdem toll finden. Wir verstehen uns meistens gut und wissen auch, wie es dem anderen geht und wie wir ihn aufmuntern können.

Ich versuche immer (na ja, meistens), willig mit ihm zusammenzuarbeiten, und wenn das klappt, haben wir manchmal beide das Gefühl, dass wir uns blind verstehen und dass zwischen uns alles in Ordnung ist.

Er kann so lieb und so sanft sein, und dann verstehe ich auch meistens gleich, was er von mir erwartet, und ich strenge mich für ihn an und wir haben beide Spaß am Reiten. Ich freue mich, wenn er mit mir zufrieden ist und merke, dass auch er sich freut, dass es mir Spaß gemacht hat und wir beide am Ende entspannt und zufrieden sind. An solchen Tagen gehe ich glücklich schlafen.

Aber manchmal ist es leider auch ganz anders: mein Mensch kommt zu mir und begrüßt mich fast gar nicht. Er sattelt mich, steigt auf, und ich merke sofort, dass irgendwas anders ist, als es sein sollte. Ich spüre, dass er eigentlich gar nicht bei mir ist. Er ist grob zu mir, sticht mir in die Seiten, zerrt in meinem Maul herum und brüllt mich an. Und ich verstehe einfach nicht, warum ...

Ich will doch gar nicht mit ihm streiten, aber wenn er dann eklig zu mir ist, werde ich irgendwann auch eklig – schließlich bin ich ja auch nur ein Pferd und habe auch Gefühle.

Ich will ja nicht sagen, dass ich immer ein braves Lämmchen bin – er hat es nicht immer leicht mit mir. Ich habe auch mal schlechte Laune, oder keine Lust auf reiten, longieren, Handarbeit oder was sich mein Mensch sonst so ausgedacht hat.

Oder vielleicht ist im Laufe des Tages irgend etwas passiert, dass mich verstört oder verunsichert hat , und ich fühle mich jetzt alleine und etwas kleinlaut und gehe deshalb auf Abstand, weil ich zwar weiß, dass ich meinem Menschen eigentlich vertrauen kann, im Moment aber nicht einmal genug Selbstvertrauen habe, um mit mir selbst klarzukommen und mich deshalb zurückziehe und von gar nichts etwas wissen will ...

Oder ich bin einfach von irgend etwas genervt – es ist zu heiß, oder zu kalt, die Fliegen nerven oder es regnet, und ich darf nicht auf die Koppel, oder,  oder, oder ...

Es gibt viele Gründe, warum es mit unserer Zusammenarbeit nicht immer auf Anhieb super klappt, aber meistens raufen wir uns ja doch wieder zusammen. Wenn ich spüre, dass er die Situation gerne ändern würde und dass er sich Mühe gibt freut mich das sehr, und ich bemühe mich auch. Es dauert manchmal etwas und kostet uns beide Schweiß und Nerven, aber weil wir ja beide wollen, dass es gut klappt, geben wir uns auch beide Mühe und werden am Ende durch Harmonie belohnt.

Diese Harmonie ist es auch, was mich so sicher macht, dass mein Mensch eben mein Mensch ist. Wir sind völlig unterschiedliche Wesen, und jeder spricht seine eigene Sprache ... Ich kann seine Sprache nicht verstehen, aber er kann versuchen, meine zu "sprechen" – Und dann – und diese Momente liebe ich sehr – verstehen wir uns ohne Worte. Ich spüre dann ganz deutlich, dass er versteht, was ich ihm mitteilen will und dass er auch weiß, dass ich das spüre. Es gibt eine Verbindung zwischen uns, die auf Liebe und gegenseitigem Vertrauen und Respekt basiert. Jeder nimmt den anderen als eigenständiges Wesen wahr, und keiner versucht, dem anderen seinen Willen aufzuzwingen. Wozu auch, schließlich geht es ja auch ohne ...

Mein Mensch will auf mir reiten – ok, warum denn nicht? Es macht mir ja auch Spaß, so lange wir zusammen und nicht gegeneinander arbeiten. Manchmal gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, und dann versuchen schon mal beide, ihren Kopf durchzusetzen. Meistens endet es damit, dass beide irgendwann einsehen, dass das so der falsche Weg ist, und wir vertragen uns wieder.

Oder manchmal auch nicht (oder nicht gleich), aber dann müssen uns eben einig werden und vielleicht auch mal einen Kompromiss schließen – 'ok, heute reiten wir nicht sondern gehen spazieren, dafür strengen wir uns morgen beide an ...' Und morgen ist ein neuer Tag und wir haben uns wieder versöhnt.

Wenn wir aber versuchen, unsere Konflikte auf dem Reitplatz mit Gewalt zu lösen, werden wir uns beide durch die Stunde quälen, froh sein, dass es endlich vorbei ist und grummelig schlafen gehen. Am nächsten Tag haben wir immer noch schlechte Laune, und es klappt bestimmt wieder nicht, weil wir beide schon vorher denken, es klappt wieder nicht.

Irgendwann ist es dann so weit, dass wir unsere Probleme, die wir auf dem Dressurviereck haben, einfach verdrängen, indem wir nur noch ins Gelände gehen. Aber dadurch lernt keiner von uns beiden Schulterherein, und das wissen wir auch, und es macht uns unzufrieden. Bis wir dann zwar zusammen, aber trotzdem jeder für sich alleine, durchs Gelände latschen und uns immer mehr von einander entfremden und schließlich unglücklich durchs Leben schleichen.

Wir werden beide immer weniger Lust haben, unsere Zeit gemeinsam zu verbringen, und wenn es ganz schlimm kommt, wird er mich vielleicht sogar irgendwann weggeben, "weil wir nicht miteinander auskommen". Vielleicht ginge es mir ja wo anders vielleicht wirklich besser, aber er ist eben nun mal mein Mensch, und ich wäre lieber mit ihm glücklich.

Aber so weit muss es ja nicht kommen – wenn wir es nicht wollen. Jeder Tag ist ein neuer Tag, und jeder neue Tag bietet die Möglichkeit für einen neuen Anfang. Einfach die alten Probleme hinter sich lassen und noch einmal von vorne anfangen. Nicht die alten Verhaltensweisen mit immer mehr Gewalt durchsetzen wollen sondern offen sein für neue Möglichkeiten, für ein Miteinander voller gegenseitigen Verständnisses und Aufmerksamkeit.

Aber um noch mal darauf zurückzukommen, dass ich eingangs erwähnte, mein Leben sei monoton, so muss ich doch sagen, dass ich bin mit meinem Tagesablauf und meinem Leben im Allgemeinen eigentlich recht zufrieden bin – von den oben geschilderten Problemen einmal abgesehen – das sind Probleme, die mit gutem Willen, der Bereitschaft zu Kommunikation und Offenheit für den anderen zu lösen sind.

Mein Mensch gibt sich wirklich Mühe, Abwechslung in mein Leben zu bringen. Reiten, frei Laufen, springen, Kunststückchen üben, longieren, damit ich mich mal so richtig austoben kann, oder einfach nur bei einer Party im Stall dabei sein, auf dem Reitplatz rumlaufen und sich unter die Leute mischen.

Aber manchmal scheint die falsche Zeit oder die falsche Stimmung für Abwechslung und gemeinsamen Spaß zu sein. Da stehe ich dann lieber auf der Koppel und mein Mensch ist auch froh, wenn er mich mal nicht sieht. Aber dann weiß ich, dass es morgen schon wieder ganz anders aussieht und bin nicht traurig.

Apropos Koppel: meine Koppel ist mein Lieblingsplatz! Als ich das erste Mal hingeführt wurde, war ich begeistert – leckeres frisches Gras in Hülle und Fülle – ich musste mich nur entscheiden, welches der saftigen Hälmchen ich zuerst essen wollte – andere Pferde, viel Platz zum Spielen und Toben und das perfekte Plätzchen für ein Schläfchen in der Sonne.

Mit der Zeit hat sich meine Koppel leider verändert. Es gibt kaum noch frisches Gras, alles ist zertrampelt oder vertrocknet. Und die kleinen neuen Hälmchen, die hervorkommen, werden entweder auch zertrampelt, weil sie eben noch so klein und zart sind, oder sie werden gleich aufgegessen – aus dem gleichen Grund. Sie haben einfach keine Chance, zu wachsen, und die Koppel bleibt trostlos, so dass es irgendwann auch keinen Spaß mehr macht, dort zu sein ...

Aber das war schon einmal so, und dann war ich eine Weile nicht dort, und plötzlich war alles wieder frisch und grün. Ich glaube, dafür haben die Menschen gesorgt. Scheinbar muss man die Koppel nur richtig pflegen, und dann wird sie noch schöner als vorher.

So sieht es also aus in meinem Leben. Ich bin mir sicher, dass das Band zwischen meinem Menschen und mir stark genug ist, um uns alle Probleme gemeinsam bewältigen zu lassen. Mit Zuneigung, gegenseitiger Akzeptanz, Liebe und der festen Gewissheit, dass man einfach zueinander gehört, kann das Leben so wundervoll und einfach sein.

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(c) Alexandra Winter

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