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Der Esel und das Christkind - eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

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Eigentlich hatte ich gedacht, dass in meinem Leben nichts Außergewöhnliches mehr passieren würde - ich brachte seit Jahren meine Menschen von einem Ort zum anderen, transportierte Holz und stand ansonsten in meinem Stall und fraß mein Heu. Ach so - ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich ein Esel bin, also für meine Art durchaus normalen Tätigkeiten nachgehe.

Ja, wie gesagt, ich hatte damit gerechnet, einen ruhigen Lebensabend ohne Überraschungen verleben zu können, als mein Mensch mich eines Morgens aus dem Stall holte, mich mit Gepäck belud und mir zu allem Überfluss auch noch sein Weibchen auf den Rücken setzte. Das kannte ich zwar alles noch aus meiner Jugend, aber irgendwie kam mir meine Last an diesem Morgen schwerer vor als früher. Zuerst schob ich es auf mein fortgeschrittenes Alter, bis ich feststellte, dass die Frau bald ein Fohlen - die Menschen nennen es Baby - bekommen würde.

Wir marschierten also los in die Geburtsstadt meines Menschen, in der er sich melden musste, weil ein neuer römischer Kaiser es so wollte (versteh einer diese Zweibeiner - so einen Unsinn gibt es bei uns Eseln nicht). Der Weg war lang und beschwerlich, aber ich nahm diese Last auf mich ohne zu murren, schließlich hatte man mich jahrelang gut gefüttert, mir ein Dach über dem Kopf gegeben, und im Gegensatz zu vielen meiner Artgenossen war ich auch nie geschlagen worden; ich war es meinen Menschen also schuldig. Auch wenn es nämlich immer heißt, wir Esel wären stur, so haben wir doch ein ausgeprägtes Ehrgefühl und lassen die, die uns gut behandeln, nie im Stich.

Als wir nach einem langen Marsch endlich am späten Abend unser Ziel erreicht hatten, dauerte es noch einmal sehr lange, bis wir eine Unterkunft gefunden hatten. Schließlich bot man uns einen Stall in einem kleinen Dorf namens Bethlehem an, was mir sehr recht war, denn in eine Herberge hätte man mich sowieso nicht hineingelassen, und ich hätte womöglich auf der Straße übernachten müssen; und das ginge - bei aller Bescheidenheit - zu weit. Außerdem fand ich es schön, meine Menschen so nahe bei mir zu haben und freute mich auf eine ruhige Nacht im engsten Familienkreis. Aber ich hatte mich zu früh gefreut; außer meinen Menschen und mir gab es in diesem Stall auch noch zwei Ziegen. Ein Esel, der etwas auf sich hält, gibt sich normalerweise nicht mit Ziegen ab, aber die beiden wohnten schon länger hier, also musste ich mich in mein Schicksal fügen.

Und wie Ziegen nun einmal so sind, begannen die beiden sofort, mich mit dem neuesten Tratsch zu versorgen. Sie erzählten mir, dass die Menschen hier in der Gegend auf ein Baby warteten, dass sie Heiland nannten (komischer Name). Dieser Heiland sollte angeblich der Erlöser der Menschen sein und es von der Tyrannei der Römer befreien. Außerdem erfuhr ich, dass ein Stern gesehen worden war, der die Menschen angeblich zu eben diesem Baby führen sollte.

Da ich als weiser und erfahrender Esel mit allen vier Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stand, gab ich nicht viel auf das Geschwätz der beiden Meckertanten (hier muss ich den Menschen Recht geben: der Ausdruck ‘blöde Ziege’ ist durchaus zutreffend), aber trotz allen Misstrauens beschloss ich doch, Augen und Ohren offen zu halten, um das große Ereignis, solltes es denn tatsächlich stattfinden, um keinen Preis zu verpassen.

So hatten wir also endlich unsere Bleibe gefunden, die Ziegen wurden zu meiner großen Erleichterung auch bald müde, und ich hatte mir schon ein gemütliches Plätzchen zum Schlafen gesucht, als es mit der Ruhe auch schon wieder vorbei war. Die Frau meines Menschen bekam ihr Junges. Die Freude war groß, und selbst ich, der ich schon viele Fohlen hatte zur Welt kommen sehen, musste mir angesichts dieses winzigen Menschen die eine oder andere Träne der Rührung aus dem Augenwinkel wischen (ganz verstohlen natürlich, ein Esel weint schließlich nicht).

Der Morgen graute schon, als es endlich wieder ruhig zu werden begann. Das Baby schlief in den Armen seiner Mutter, und auch ich hatte es mir gerade wieder gemütlich gemacht, als meine feinen Ohren draußen die Stimmen vieler Menschen und das Blöken einiger Schafe vernahmen. Diese Schafe schienen sehr aufgeregt zu sein, und ich lauschte ihrer Unterhaltung. So erfuhr ich, dass sie auf dem Feld, wo sie mit ihren Hirten grasen gewesen waren, einen leuchtenden Menschen mit Flügeln gesehen hatten, der zu ihren Hirten gesprochen hatte. Natürlich hatten die Schafe seine Worte nicht verstanden, aber auch die Hirten sprachen über nichts anderes. Da ich gebildet war und auch die Sprache der Menschen verstand, erfuhr ich, dass der Engel - so nannten die Menschen dieses Flügelwesen - den Hirten eine frohe Botschaft verkündet hatte, die sie allen Menschen weitersagen sollten.

Der Stern, der laut dem Geschwätz der Ziegen den Weg zu dem Heiland-Kind weisen sollte, so berichtete der Engel, sei nun genau über dem Ort zu sehen, an dem dieses Kind gerade geboren worden war. Ich war jetzt doch neugierig geworden und beschloss, einmal draußen nachzusehen. Einige Meter von unserem Stall entfernt hatten sich inzwischen sehr viele Menschen versammelt, die aufgeregt durcheinander redeten und immer wieder zum Himmel zeigten. Auch ich blickte nach oben und sah einen strahlend hellen Stern, der genau über unserer armseligen Behausung leuchtete. Mittlerweile waren auch die beiden Ziegen nach draußen gekommen und erzählten den Schafen, den Kühen und jedem, der es hören wollte, dass in ‘ihrem’ Stall gerade ein Menschenkind geboren worden war, dessen Eltern ihm den Namen Jesus gegeben hatten.

In diesem Moment hörte man aus der Ferne ein leises Klingeln. Die Menge teilte sich, und ich sah drei Männer auf großen Eseln mit merkwürdigen Beulen auf dem Rücken (später erfuhr ich, dass man sie Kamele nannte) geradewegs auf unseren Stall zukommen. Ich bewunderte die Kamele sehr, denn ihr Zaumzeug war mit bunten Bändern und kleinen silbernen Glöckchen geschmückt, während meines nur aus altem brüchigem Leder bestand und keinerlei Verzierungen aufwies. Den Menschen um mich herum schien es ähnlich zu gehen, denn sie staunten über die fremdartige und prächtige Kleidung der drei Männer. Auch ich sah mir diese Menschen nun einmal genauer an; einer von ihnen war überall schwarz, und ich vermutete, dass er schon lange nicht mehr gestriegelt und gebürstet worden war. Da hatte ich es besser, denn mein Fell war immer sauber und gepflegt, und das ist wohl für einen anständigen Esel wichtiger als Glöckchen und bunte Bänder.

Die Kamele hielten genau vor der Tür zu unserem Stall, die Männer stiegen ab und verschwanden im Inneren. Dies war auch für mich das Zeichen wieder hineinzugehen, schließlich wollte ich ja keine Sekunde von dem verpassen, was sich nun bei meinen Menschen abspielen würde. Die drei Fremden, die man, wie ich später erfuhr, die Weisen aus dem Morgenland nannte (komisch, dabei war doch einer von ihnen schwarz - versteh einer die Menschen), knieten vor dem kleinen Jesus nieder, nannten ihn den Messias und machten ihm viele Geschenke, die für einen Menschen wohl sehr kostbar gewesen sein mussten (ich musste von dem Weihrauch-Zeug nur niesen). Diese drei Männer waren die ersten, die ‘meinem’ Menschenkind huldigten, und in der folgenden Zeit erschienen sehr viele weitere Menschen, um das Baby zu sehen und es anzubeten.

Als es Maria, der Frau meines Menschen, wieder besser ging und nachdem mein Mensch seine Geschäfte in der Stadt erledigt hatte, kehrten wir nachhause zurück. Das kleine Jesuskind ritt mit seiner Mutter auf seinem Rücken, und diesmal spürte ich fast gar keine Last. Ich war außerordentlich stolz, dass gerade ich den Heiland tragen durfte, denn dass dieses Kind etwas ganz Besonderes war, daran hatte ich mittlerweile überhaupt keine Zweifel mehr.

Auch in den folgenden Jahren bestätigte sich mein erster Eindruck von dem kleinen Jesus. Er war ein aufgewecktes, aber sehr sanftes Kind, und ich freute mich jedes Mal, wenn er mich in meinem Stall besuchen kam. Oft kam er mit seinen Büchern zu mir, und auch wenn er nur wenig mit mir sprach, hatte ich doch in seiner Gegenwart das Gefühl, kein gewöhnlicher Esel zu sein; und auch als er älter wurde, behielt er diese Gabe, jeden in seiner Umgebung glücklich zu stimmen.

Inzwischen waren seit der Nacht in dem kleinen Stall viele Jahre vergangen, und ich spürte, dass meine Zeit so langsam gekommen war. Eigentlich hatte ich keine Angst vor dem Tod, aber ich bedauerte, dass ich nicht mehr lange bei den Menschen würde bleiben können, die mir während meines langen Esellebens ein Heim gegeben hatten und mit denen ich so viel erlebt hatte. Außerdem fühlte ich mich immer öfter alleine und traurig, denn auch Jesus kam nicht mehr zu mir, und eines Tages hörte ich, wie meine Menschen davon sprachen, dass er gestorben war. Nun fühlte ich mich erst recht alleine, und ich legte mich in mein Stroh und wartete darauf, dass auch ich bald sterben würde.

Bis jetzt scheint meine Geschichte ein trauriges Ende zu finden, aber eines Nachts hatte ich einen besonderen Traum. Ich sah meinen kleinen Jesus, der in meinen Stall kam, sich zu mir setzte und mir ein Geheimnis ins Ohr flüsterte.

Ihr wollt wissen, was er mir erzählt hat?

Er sagte mir, dass der Tod nicht das Ende des Lebens sondern ein neuer Anfang sei, und dass die Welt, in der man nach dem Tod weiterleben wird, viel schöner ist als diese, dass es dort keinen Kummer, keinen Schmerz und keine Furcht gibt, und dass alle Wesen friedlich und glücklich miteinander leben, ohne sich gegenseitig zu verletzen.

Ja, seit dieser Nacht fühle ich mich nicht mehr alleine, und ich habe jetzt auch wirklich keine Angst mehr vor dem Sterben, denn ich glaube meinem kleinen Jesus, wenn er mir versichert, dass er immer bei mir sein wird - auch dann, wenn ich ihn nicht sehen kann. Und mit dieser Überzeugugn und mit diesem Gefühl des Friedens genieße ich nun die Tage, die mir noch bleiben, ohne mir Gedanken über das zu machen, was danach kommt.

Ich habe diese Geschichte meinen Enkeln erzählt, und die werden sie wieder ihren Fohlen erzählen, und nun zum Schluss erzähle ich sie euch. Und wenn jeder, der diese Geschichte hört, versucht, nur ein ganz kleines bisschen so zu sein, wie mein Jesuskind es war, dann werden vielleicht irgendwann alle Esel mit dem Gefühl leben können, mit dem ich jetzt meine Geschichte erzählen kann, und vielleicht werdet euch auch ihr Menschen irgendwann ein Beispiel an uns Eseln nehmen, um eure Welt zu einer Welt zu machen, in der es wieder Spaß macht, in Frieden zu leben.

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(c) Alexandra Winter

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