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Todesschlaf |
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Es war Hochsommer. Über Kandara, der Hauptstadt des Landes, brannte die Sonne vom Himmel. Königin Fedora war vor der Hitze des Tages in ihre Gemächer geflohen und saß nun mit einem Stickrahmen in der Hand an einem der großen Fenster, von wo aus sie einen herrlichen Blick auf die wundervollen Gärten des Schlosses hatte. Zwischen kunstvoll angelegten, in allen nur erdenklichen Farben leuchtenden Rosenbeeten war auf Fedoras Wunsch hin ein Pavillon errichtet worden, in dessen Mitte Wasser aus einem Brunnen fröhlich in einen kleinen Teich plätscherte, der von Seerosen bedeckt war. Um den Teich herum hatten sich die Hofdamen der Königin niedergelassen und beaufsichtigten, durch zierliche Schirmchen vor der Sonne geschützt, ihre Kinder, die ausgelassen im Teich herumplantschten und mit den Fröschen und Salamandern spielten. Fedora legte ihre Handarbeit beiseite – sie hatte nicht einen einzigen Stich getan – und öffnete das Fenster, um das Lachen der Kinder hereinzulassen. Die Königin liebte Kinder, deshalb hatte sie auch erlaubt, dass die Kinder ihrer Hofdamen im königlichen Garten spielen durften, obwohl dieser der königlichen Familie vorbehalten war. Doch hier lag das Problem: die königliche Familie bestand lediglich aus König Rolin und Königin Fedora. Zu ihrem größten Bedauern waren Fedora bisher keine eigenen Kinder vergönnt gewesen, und keiner der zahlreichen Ärzte, die sie bereits untersucht hatten, hatte den Grund dafür finden können. Die Königin war kerngesund, und doch waren alle Bemühungen, dem König einen Thronfolger zu schenken, bisher erfolglos geblieben. Der König macht ihr niemals Vorwürfe, denn er liebte seine Frau sehr, doch Fedora wusste, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als einen Erben. Die Königin seufzte. "Oh ihr Götter, soll es denn wirklich keinen Weg geben? Ich würde alles tun, wäre mir ein Kind vergönnt!" "Es gibt vielleicht einen Weg." Fedora erschrak fürchterlich. Sie hatte die alte Marga nicht bemerkt, die in einem großen Sessel vor dem gewaltigen Kamin im hinteren Teil des Raumes gesessen hatte. Die Amme hatte die unangenehme Angewohnheit, wie aus dem Nichts plötzlich aufzutauchen, und die Königin hätte schwören können, dass es ihr Spaß machte, andere Leute zu Tode zu erschrecken. "Was redest du da?", herrschte sie die alte Frau an und ließ sich, mühsam um Fassung ringend, in einen zweiten Sessel sinken. "Ihr habt es gehört", erwiderte Marga mit düsterer Stimme. "Möglicherweise gibt es einen Weg, Euren Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, doch der hat nichts mit den Göttern zu tun. Einer uralten Legende zufolge schloss König Goran von Kandar vor vielen tausend Jahren einen Pakt mit einem Dämon. Dieser schwor um den Preis einer menschlichen Seele, einem Mitglied der Herrscherfamilie in Zeiten größter Not beizustehen. Soweit ich weiß, berichtet keine der alten Legenden von der Erfüllung dieses Bündnisses". "Du meinst ...", hauchte die Königin. In ihren Augen glomm ein Schimmer der Hoffnung. "Ich meine, dass Ihr versuchen könntet, diesen Dämon herbeizurufen und an die Erfüllung seines Schwurs zu erinnern." Die Amme schwieg und sah Fedora ernst an. Diese war nach Margas Worten aufgestanden und sah nun aus dem Fenster in den Schlossgarten hinunter. "Was muss ich tun?", fragte sie leise, ohne sich umzudrehen. "Ich werde Euch helfen, den Dämon zu beschwören. Sollte er erscheinen, ist es an Euch, entweder Eure Seele zu opfern oder möglicherweise einen neuen Pakt zu schließen.", erwiderte die alte Frau ebenso leise. "Fangen wir an!" Die Königin drehte sich zu Marga um und sah ihre Amme an. Der Gedanke, ihre Seele zu verlieren, jagte ihr eine höllische Angst ein, und doch war sie fest entschlossen, alles zu tun, was nötig war, um den sehnlichsten Wunsch des Königspaares zu erfüllen. Marga bereute schon, dass sie die alte Legende erwähnt hatte. Sie liebte Fedora wie eine Tochter, und der Gedanke sie möglicherweise zu verlieren brach ihr das Herz, doch andererseits war es für sie ebenso schwer mit anzusehen, wie sehr die Königin unter ihrer Kinderlosigkeit litt. "Da Ihr Euch sicher zu sein scheint, werde ich jetzt gehen und mich vorbereiten. Um Mitternacht werde ich wieder hier sein und die Beschwörung durchführen, sofern Ihr dies tatsächlich wünscht." "Ich wünsche es. Geh jetzt und sei bis Mitternacht wieder hier!" Während Marga sich verneigte und das Zimmer verließ, widmete Fedora ihre Aufmerksamkeit wieder den Kindern am Teich. Sie war aufgewühlt und gleichzeitig von einer eisigen Ruhe erfüllt. Was der Dämon auch verlangen sollte, kein Preis war ihr zu hoch. Trotzdem dachte sie über Margas Worte nach, dass sie möglicherweise versuchen könnte, tatsächlich einen neuen Pakt mit dem Dämon zu schließen. Doch was außer ihrer Seele hätte sie anzubieten? Es war recht unwahrscheinlich, dass ein mächtiges und fremdes Wesen sich mit Gold und Juwelen zufrieden geben würde. Der Königin blieb nichts anderes übrig als abzuwarten und zu hoffen, dass alles sich zum Guten wenden würde. Doch was wäre, wenn die alten Aufzeichnungen unvollständig waren? Vielleicht war der Pakt längst erfüllt, oder der Dämon fühlte sich nach der langen Zeit nicht mehr daran gebunden. Oder vielleicht gelang es gar nicht erst, ihn herbeizurufen. Darüber wollte die Königin gar nicht erst nachdenken. Diese Beschwörung war ihre einzige Chance, ihre letzte Hoffnung. Ungeduldig wartete sie auf die Nacht und damit auf die Rückkehr Margas. Endlich war es so weit, die Turmuhr schlug Mitternacht. Fedora schreckte aus dem großen Sessel auf, in dem sie nach vielen schlaflosen Stunden schließlich doch über ihrer Stickarbeit eingeschlafen war. Marga saß bereits auf dem Boden vor dem nun brennenden Kamin, umgeben von allerlei Dingen, die sie augenscheinlich benötigte, um den Dämon herbeizurufen. Sie war gerade damit beschäftigt, eine Handvoll schleimig aussehender Pflanzen in das Kaminfeuer zu werfen und hatte nicht bemerkt, dass die Königin erwacht war. Fedora setzte sich neben sie auf den weichen Teppich. Ohne aufzusehen begann Marga, unverständliche Beschwörungsformeln zu murmeln und blies schließlich eine widerlich riechende pulverförmige Substanz in die Flammen. Aus dem Kamin drang eine beißende Wolke schwefelgelben Rauchs, die der Königin den Atem raubte und ihr die Tränen in die Augen trieb. Als der stinkende Qualm sich endlich gelegt hatte, stockte Fedora erneut der Atem. Marga war in sich zusammengesunken und rührte sich nicht. In den Flammen des Kamins erschien eine Furcht erregende Gestalt. "Nun wird das alte Bündnis doch besiegelt!" Die Stimme des Dämons hallte in Fedoras Ohren. Sie schien aus weiter Ferne zu kommen und verdrängte doch dröhnend jedes andere Geräusch aus ihrem Kopf. Die Königin war wie erstarrt, kein Laut drang aus ihrer Kehle. Gebannt starrte sie auf die mit gekreuzten Beinen im Feuer sitzende Gestalt, der die Flammen offenbar nichts anhaben konnten. Der Dämon sah beinahe aus wie ein Stier mit der Statur eines Menschen. Es schien über zwei Meter groß zu sein und war über und über mit gewaltigen Muskeln bepackt. Seine tiefschwarze schuppenartige Haut schien förmlich das sie umgebende Licht zu schlucken, denn der Dämon war von einer düster schimmernden Aura undurchdringlicher Schwärze umgeben. Seine Gesichtszüge wirkten hart und grob, als habe ein mäßig begabter Bildhauer versucht, einem Granitblock menschliches Aussehen zu verleihen. Aus den Seiten seines mächtigen Schädels ragten zwei ebenfalls schwarze Hörner, deren gekrümmte Spitzen sich bedrohlich auf die Königin richteten, als der Dämon sich Fedora zuwandte. Der Blick seiner glühenden Augen schien sich direkt in ihr Gehirn zu bohren. Ein eiskalter Schauer durchströmte die Königin, und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, als bemächtige sich ein fremder Geist ihres Bewusstseins. Die fremde Präsenz verschwand jedoch ebenso schnell wie sie aufgetaucht war und hinterließ eine dumpfe Leere in Fedoras Kopf. "Ein Kind willst du also", dröhnte die Stimme des Dämons. "Vor langer Zeit habe ich geschworen, dem nächsten Mitglied des Herrscherhauses von Kandar beizustehen, das meiner Hilfe bedarf. Aus diesem Grund werde ich deinen Wunsch erfüllen, vorausgesetzt, du bist bereit, den vereinbarten Preis dafür zu bezahlen!" "Was immer Ihr verlangt", flüsterte die Königin mit schwacher Stimme. "Ich werde ..." "Eine Seele ist mein Preis", unterbrach sie der Dämon und betrachtete Fedora lauernd. "Die deines Kindes, um genau zu sein". Die Königin erbleichte. Sie war bereit gewesen, ihre eigene Seele zu opfern, aber die ihres Kindes? Dieser Preis war zu hoch. Fedora richtete sich auf. "Verzeiht, Sir Dämon", sprach sie mit fester Stimme. "Ihr seid hier erschienen und offensichtlich bereit, Euren Schwur zu erfüllen; dafür danke ich euch aus tiefstem Herzen, doch die Seele des Kindes zu fordern, das mir zu schenken Ihr Euch bereiterklärt habt, scheint mir ein schlechtes Geschäft." "Du wagst es ...", polterte der Dämon. Fedora zuckte zusammen, doch sie hätte schwören können, ein amüsiertes Glitzern in den unheimlich glühenden Augen bemerkt zu haben. Sie nahm all ihren Mut zusammen und hielt dem Blick des Dämons stand. "Würdet Ihr die Seele des Kindes fordern, hättet Ihr meinen Wunsch – und damit Euren Schwur – nur zur Hälfte erfüllt und stündet somit weiterhin in der Schuld des Herrscherhauses von Kandar ... Wäret Ihr aber bereit zu warten, bis das Kind alt genug ist, ohne seine Mutter auszukommen, böte ich Euch meine eigene Seele an." Die Königin schwieg und sah den Dämon erwartungsvoll an. Der Gedanke, ihre Seele zu verlieren, hatte sie noch vor wenigen Minuten mit Panik erfüllt, doch angesichts der Alternative war dies eindeutig das geringere Übel, zumal die Aussicht bestand, den Preis erst in einigen Jahren bezahlen zu müssen. Der Dämon schwieg ebenfalls. Seine steinerne Miene verriet nicht im Geringsten, was in seinem hässlichen Schädel vor sich ging. Fedora hielt den Atem an. Würde sich das mächtige Wesen auf ihren Vorschlag einlassen? Nach einer quälenden Zeit des Wartens beugte sich der Dämon nach vorne, so dass seine Hörner beinahe das Gesicht der Königin berührten. Sein heißer, nach Schwefel riechender Atem streifte ihre Wange, und sie vernahm ein kaum hörbares Flüstern, dass dennoch ihr Gehirn beinahe platzen ließ. "Du hast Recht, der Pakt wäre nur zur Hälfte erfüllt. Da dies unehrenhaft wäre, wirst du dein Kind bekommen, und es wird im Besitz seiner Seele bleiben, doch dennoch fordere ich meinen Preis, und dieser Preis wird nicht deine Seele sein, Königin Fedora." Die Flammen des Kaminfeuers flackerten, und nach diesen letzten Worten begann die Gestalt des Dämons, sich in stinkenden Rauch aufzulösen und war wenige Augenblicke später verschwunden. Fedora verharrte unbeweglich vor dem Kamin und starrte in die Flammen, als könne sie dort die Antworten erhalten, die der Dämon ihr mit seinen rätselhaften Worten vorenthalten hatte. Sie würde ihr Kind bekommen, und der Unheimliche würde weder dessen Seele fordern noch ihre eigene – doch was würde dann der Preis sein? Die Königin fuhr herum, als sie ein Geräusch neben sich vernahm. Marga, die sich während der ganzen Zeit nicht geregt hatte, rappelte sich auf und sah sich verwirrt um. "Was ist geschehen? Ist der Dämon erschienen? Wird er Euren Wunsch erfüllen? Was ist sein Preis?" Die Königin schwieg. Für einen Moment war sie versucht, Marga alles zu erzählen, doch aus einem Grund, den sie selbst nicht erklären konnte, sagte sie nur: "Es wird alles gut – geh schlafen und stell keine Fragen." Während Marga sich zurückzog, beschloss Fedora, niemandem – nicht einmal König Rolin – zu erzählen, was in dieser Nacht geschehen war. Und so kam es, dass der König, und mit ihm das ganze Land, sich unendlich freute, als die Königin verkündete, dass sie mit dem Thronfolger schwanger war, und keiner bemerkte, dass in unbeobachteten Momenten düstere Wolken das Glück auf Fedoras Antlitz trübten ... |
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